Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.
Home
Organisation
Gliederung
Veranstaltungen
Beschlüsse
Aktionen
Reden
Bundesverband
Links
Kontakt
Impressum
Wochenendseminar SL Nordrhein-Westfalen am 20. – 22. Februar 2004


Das deutsch/sudetendeutsch-tschechische Verhältnis nach dem Eintritt der Tschechischen Republik in die Europäische Union:
Probleme und Perspektiven
(Referent: Vojtec Belling)




Die aktuellen deutsch-tschechischen Beziehungen befinden sich auf einem sehr guten Niveau, zweifelsohne auf dem besten der letzten einhundert Jahre. Die grenznahe nachbarschaftliche Zusammenarbeit entwickelt sich ebenso wie die Städtepartnerschaften und die bilateralen Beziehungen auf Regierungsebene.
Trotzdem gibt es immer noch ein Element, das die gewöhnliche Wahrnehmung der Problematik der nachbarschaftlichen Beziehungen sowohl auf der Ebene der Bevölkerung, als auch auf politischer Ebene beeinflusst.

Selbstverständlich wissen Sie alle, was ich damit meine. Es handelt sich um das Erbe der Vergangenheit und insbesondere das historische Gedächtnis des tschechischen Volkes und der böhmischen Deutschen. Die Vergangenheit kann aus der Geschichte nicht gestrichen werden und es ist eine Illusion, über irgendwelche dicke Schlussstriche unter die Vergangenheit zu ziehen. Jedes Volk und jede Gemeinschaft wird insbesondere durch die Tradition ihrer Werte und Geschichte gebildet, auf der sie selbst steht. Jedes der verschiedenen und oftmals sehr dunklen Kapitel der Vergangenheit ist daher beständiger Bestandteil ihrer Produkte, die die Gegenwart sind. Wenn diese Vergangenheit aber dabei immer wieder aufs Neue in den Erinnerungen der Menschen belebt wird, dann wird sie selbst zum Bestandteil der Gegenwart und als solche ist mit ihr dann auch umzugehen.

Es gibt keinen Zweifel darüber, dass die Vertreibung der Deutschen aus den Ländern der böhmischen Krone eine der tragischsten Begebenheiten in der modernen Geschichte des tschechischen Staates und Mitteleuropas ist. Wir hören oftmals, wie darüber gesprochen wird, dass es zu ähnlichen Vertreibungen bereits früher und dann überall auf der Welt gekommen sei, so dass dies etwas Gewöhnliches und damit auch "Rechtfertigbares" ist. Ich erkläre mich mit einem derartigen Versuch um Rechtfertigung und Relativierung der Vertreibung absolut nicht einverstanden.

Es ist wahr, dass diese Entwicklung ihre Gründe im Zweiten Weltkrieg hatte. Übrigens ebenso, wie ein Großteil der Deutschen den Tschechen die Grauen der Vertreibung vorwirft, so nimmt die ältere tschechische Generation als stereotypes Bild die Deutschen als Entfessler des Zweiten Weltkrieges wahr. Durch das Finden der Gründe können jedoch deren Folgen erklärt, keinesfalls jedoch legitimiert werden. Übrigens muss die Suche der Gründe im Falle eines Versuches um eine kausale Analyse komplex sein. Wir könnten somit in die Zeit vor 1938 gehen und nach den Gründen der Unzufriedenheit der Böhmischen Deutschen mit der damaligen tschechoslowakischen politischen Verwaltung suchen. Zweifelsohne gäbe es eine Unmenge derartiger ähnlicher Möglichkeiten einer Suche.

Es ist insbesondere wichtig, sich nicht zu bemühen, von oben herab auf eine Art und Weise eine Diskussion über die Vergangenheit zu führen und sie in "die richtige", von beiden Seiten abgestimmte Richtung auszurichten. Das ist der Fall des Deutsch-Tschechischen Diskussionsforums, das die Erwartungen tief enttäuscht hat, die von der Öffentlichkeit an dieses Forum gestellt wurden. Dies ist eben gerade aus dem Grund passiert, dass die hierbei diskutierten Themen von oben angeordnet worden sind, bislang der gesellschaftlichen Nachfrage nicht entsprachen und auch heute nicht entsprechen.

Die gegenseitigen Beziehungen der Sudetendeutschen und Tschechen müssen in ihrer Entwicklung natürlicherweise an ernsthaften Stellen zum Stehen kommen, die sie bislang verdunkeln. Wenn eine derartige Stelle die Vergangenheit ist, die mit dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung verbunden ist, dann muss gemeinsam darüber gesprochen werden; Ansonsten wird diese Stelle Gegenstand der internen Erwägungen einer jeden Seite sein, ohne Gegenstand der Diskussionen zu werden. Dies würde dann beständig eine wahrhaft offene Beziehung unmöglich machen. Daher erachte ich es für notwendig, zur Vergangenheit zurückzukehren und sie zu bewerten. Ich meine damit nicht, ahistorische Bewertungsgesichtspunkte in die Vergangenheit zurückzulegen, sondern die Geschichte in ihrer Kontinuität zu verstehen und gleichzeitig zu deren Entwicklung eine eigene Stellung zu beziehen und sich nicht zu fürchten, diese laut und öffentlich zu äußern.

Ich glaube, dass eine derartige offene Diskussion über die Vergangenheit die Bedingung guter Beziehungen ist, die sich nicht nur auf der wirtschaftlichen Zusammenarbeit oder den gemeinsamen Haltungen in der Außenpolitik, sondern insbesondere auf gegenseitigem Respekt und Verständnis unserer Bevölkerung gründen. Es kann nur schwer erwartet werden, dass die Generation auf diese Diskussion vorbereitet ist, die Augenzeuge der tragischen Vorfälle vor fünfzig Jahren gewesen ist. Umso eher kann man dies bei den jungen Leuten voraussetzen, die die Vergangenhit aus einem gewissen Abstand und ohne unmittelbare emotionale Assoziationen betrachten.

Die Deutschen und Tschechen sind typische mitteleuropäische Völker. Uns verbindet das Erbe der langjährigen gemeinsamen Vergangenheit im Rahmen eines überstaatlichen Gebildes - des Römischen Reiches. Mit den Sudetendeutschen verbindet uns dann noch die gemeinsame Geschichte in Böhmen, Mähren und in Schlesien. Viele von uns haben Vorfahren, die aus einem anderen Volk stammen. Der bemerkenswerte Raum Mitteleuropas unterscheidet sich von anderen Teilen der Welt durch ein eigenes Kultur- und Werteerbe. Ich zweifle nicht daran, dass man trotz der langjährigen Unterbrechung der bilateralen Verknüpfungen an die traditionelle mitteleuropäische Zusammenarbeit anknüpfen kann, in der es stets mehr als auf das Volk eher auf die Landeszugehörigkeit ankam und wo die Grenzen zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen stets verschwammen und sich verlagerten. Ich glaube, dass gerade das traditionelle, kulturell definierte Mitteleuropa als Raum, der über Jahrhunderte hinweg entstanden ist, Gegenstand der Zusammenarbeit unserer beiden Völker sein sollte.